Arbeitsmarkt 4.0: Innovation und digitaler Wandel sind zur Norm geworden

Geschrieben von Nadine Walther am 27.06.2017

Interview Susanne Kremeier
Düsseldorf, 26.06.2017

Die Arbeitswelt befindet sich im stetigen Wandel – Unternehmen müssen sich neu organisieren, Mitarbeiter neu erfinden. Das führt auf beiden Seiten zu Problemen.

Bei den Mitarbeitern sorgt die Always-Online-Gesellschaft mit dem Anspruch permanenter Erreichbarkeit für Stress. Die Unternehmen sehen der Digitalen Transformation ebenfalls mit gemischten Gefühlen entgegen. Zunehmend werden Positionen durch temporäre Experten besetzt, deren Know-how für die Lösung spezifischer Probleme und die Organisation neuer Strukturen gefragt ist.

Dabei ist auf allen Seiten Agilität, Kreativität und Innovationsgeist gefordert. Wie das aktuell funktioniert und in Zukunft noch besser werden kann, haben wir in einem sympathischen, humorvollen und visionären Gespräch mit Susanne Kremeier diskutiert.

Arbeitsmarkt 4.0 - Nadine Walther und Susanne Kremeier

Frage 1:
Weitreichende globale Veränderungen transformieren den Arbeitsalltag. Unternehmen bewegen sich auf der Suche nach einem Wettbewerbsvorteil immer mehr in Richtung flexibler Arbeitskraft. Frau Kremeier, als Interim Managerin sind Sie mit Ihrer Tätigkeit ein wichtiger Bestandteil dieser Entwicklung. Seit wann sind Sie interimistisch tätig?

Seit 2003 beschäftige ich mich mit dem Thema Transformation und Change Management. Zunächst als Angestellte in diversen Projekten. Schnell merkte ich aber, dass ich als Interim Managerin mehr bewegen kann. Meine Expertise wird speziell für die Lösung eines Problems oder die Gestaltung einer Veränderung eingekauft. Das führt direkt zu mehr Handlungsspielraum und Zielorientierung. Die Firma zahlt für ganz spezifische Kompetenzen und ich führe die Aufgabe dann auch zum Ergebnis.

Mit meinen knapp 20 Jahren Erfahrungen in Vertrieb, Einkauf, Marketing und in der Organisationsentwicklung begleite ich heute Firmen auf ihrer Change Journey. Dabei ist es entscheidend, die Strategie anzupassen oder neu zu definieren und für die Sicherstellung der Prozesse zu sorgen. Wenn Strukturen verändert oder gar neu geschaffen werden, sollten die Kompetenzen der Mitarbeiter eine wichtige Rolle spielen. Meine Ausbildung zum Interim Executive hat mir geholfen, noch schneller die Lage des Unternehmens zu analysieren, den entscheidenden Fokus zu setzen und gemeinsam mit Management und Mitarbeitern den angestrebten Wandel zu gestalten.

Frage 2:
Sie waren zuvor fast 20 Jahre bei großen und mittelständischen Unternehmen in festen Anstellungsverhältnissen. Wie kam es aus dieser Situation heraus zu der Entscheidung, Interim Managerin zu werden?

Die Möglichkeit sich seine Projekte auszusuchen und für einen passgenauen Einsatz zu sorgen fand ich spannend. Als Interim Manager muss man flexibel und agil sein und sich permanent neu anpassen, Leben heißt Veränderung und genau das ist an der Tagesordnung für Interim Manager.

Bei der Auswahl meiner Projekte kann ich mich ganz auf meine Expertise und Leidenschaft konzentrieren. Ich bin nur temporär Teil des Unternehmens und ganz und gar auf die Aufgabe fokussiert. Dabei kann ich als unabhängiger Experte wertvolle neue Einsichten vermitteln. Die Erfahrungen, die ich bei anderen Unternehmen und Branchen gemacht habe, können auf ihre Anwendbarkeit im aktuellen Fall überprüft werden. Der Faktor, der bei mir jedoch immer eine Rolle spielt ist der Mensch: der steht im Mittelpunkt. Das ist für mich der schönste und befriedigendste Part der Rolle.

Frage 3:
Was sind für Sie, aus Kandidatensicht, die Vorteile als Interim Managerin zu arbeiten?

Sie können sich selbst Herausforderungen suchen bei denen sie die bestmögliche Antwort sind und sich optimal einbringen können. Durch den temporären Einsatz in einem Projekt hat man eine höhere Akzeptanz. Ich werde für meine Expertise eingekauft und darauf vertrauen die Entscheider. Ich bin direkt Sparringspartner auf Augenhöhe. Ich stoße mehr auf offenere Ohren und bin immer wieder das frische Blut mit ungewöhnlichen Ideen aufgrund der Erfahrungen mit anderen Herausforderungen.

Frage 4:
Was sind heutzutage die größten Herausforderungen für Interim Manager?

Die größte Herausforderung ist die Einschätzung des Projektes, ob die gefragten Kompetenzen wirklich passen. Es ist elementar wichtig vor dem Einsatz die aktuelle Situation gut zu analysieren und die Verantwortlichen auf Herz und Nieren zu testen. Häufig wird das Ziel des Einsatzes leider nicht genau definiert, vergessen oder ändert sich. Zudem müssen die Auftraggeber da und verfügbar sein, denn sie sind Türöffner und Übersetzer für die interne Sprache. Wenn das nicht berücksichtigt wird, hat man als Interim Manager wenig Chance auf effektives Arbeiten. Je mehr sie vor Vertragsabschluss klären desto besser. Idealerweise erstellen sie eine Agenda für wöchentliche Milestones. Denn die Erwartungen gehen oft auseinander und eine Agenda hilft beim Ergebnisabgleich und der Justierung. Ich habe mir für die Projekt-Vorbereitung sowie die Begleitung eine Check-Liste erstellt, die mir gute Dienste leistet immer zu überprüfen, ob alles auf dem richtigen Weg ist.

Frage 5:
Es gibt eine ganze Reihe von Gründen zum Einsatz von Interim Managern. Wir haben in unserer 2016 durchgeführten Studie Interim Manager nach den Hauptgründen für ihre letzten Einsätze gefragt. Die drei am häufigsten genannten Gründe waren Change Management (32 %), Krisenmanagement (13 %) sowie temporärer Fachkräftemangel (13 %). Teilen Sie diese Ergebnisse?

Ich war vor kurzem bei der Tagung des AIMP, dort hat Frau Dr. Strack vom DDIM über die grosse Bedeutung der Vakanz-Überbrückung bei Interim Mandaten gesprochen. Dies hat bezüglich der Scheinselbständigkeit einige Implikationen, die Frau Dr. Strack mit den relevanten Politikern besprechen wird. Generell ist die Arbeit eines Interim Managers per definitionem die eines Change Managers. Entweder steht das Unternehmen vor einer Herausforderung, die derzeit intern nicht gemeistert werden kann, oder der entsprechende Experte ist derzeit nicht verfügbar. Somit gilt es neue Lösungen und Prozesse zu beschreiten, was mit Veränderung zusammen geht. Die Kombination von Change-Management Kompetenz, gesuchtem Experten-Wissen sowie der Branchen-Kenntnis ist die Qualität, die ein Interim Manager dem Unternehmen bietet.

Frage 6:
Die Medien- und Unternehmenswelt spricht von drastischen Veränderungen in der Arbeitswelt und dem Arbeitsmarkt 4.0. Wie stehen Sie dazu?

Als ich mich mit dem Thema Organisationsdesign intensiver beschäftigt habe, habe ich mich mit allen drei Gurus getroffen: Jay R. Galbraith (Star-Modell), Andrew Campbell (Hebel-Modell) sowie Edward E. Lawler (Built to change). Als Quintessence ergab sich für mich: Jede Organisationsgestaltung beginnt mit der Strategie, konzentriert sich auf das Alleinstellungsmerkmal, beinhaltet nur Tätigkeiten die dem Alleinstellungsmerkmal dienen und ist fluide. Jede Firma sollte sich die Frage stellen: Wo liegt mein Alleinstellungsmerkmal? Welche Kompetenzen brauche ich intern und was kann ich outsourcen? Wir werden mehr und mehr in Netzwerken arbeiten.

Die Tätigkeiten werden immer weniger in Arbeitsplatzbeschrieben darstellbar sein, sondern Projekt-bezogen und modular gestaltet werden. In der neuen Form der Arbeit hat jeder Einzelne individuelle Kernkompetenzen. Aufgabenstellungen werden sich zu temporären Projekten umwandeln. Es wird keine Tätigkeit mehr definiert, sondern das erwünschte Resultat. Die Herausforderung der Zukunft ist die Schnittstellengestaltung zwischen diesen Elementen.

Frage 7:
Auf Ihren Internetseiten betonen Sie immer wieder den Faktor Mensch als Schlüssel zum Unternehmenserfolg. Steht der Faktor Mensch der Digitalisierung nicht im Weg?

Es wird definitiv eine Verschiebung in der Arbeitswelt - wie wir sie heute kennen - geben. Daten-basierte Tätigkeiten werden mehr und mehr durch Computer übernommen, manuelle Tätigkeiten von Robotern. Für das perfekte Ergebnis benötigen wir allerdings kreative und visionäre Fähigkeiten, die wir in Maschinen derzeit noch nicht finden. Der Computer wird uns mehr und mehr lästige, schwere und eintönige Arbeit abnehmen.

Derzeit nähern wir uns der interessanten Situation, dass es Tätigkeiten gibt, die der Mensch kostengünstiger erledigen kann als ein Roboter. Komplizierte manuelle Operationen zb können zwar maschinell erledigt werden, die Anzahl Sensoren und Antriebe, die dafür benötigt werden, ist jedoch immens. Das Wunderwerk der Natur, der Mensch, ist hier nach wie vor überlegen. Es gibt dazu ein interessantes Video von BMW und seinen KUKA Robotern . Nun beginnt der Roboter jedoch auch die Fähigkeit zu erlangen, Emotionen zu lesen, was wiederum neue Bereiche für seinen Einsatz eröffnet.Wenn wir dann weiter in die Zukunft schauen und über neue Einsatzbereiche wie zb die Ausbildung nachdenken, ergeben sich neue spannende Fragen: Auch wenn der Roboter in der Lage ist Emotionen zu lesen, wird er sie nicht empfinden. Wäre dies eine gute Basis für gewaltfreie Kommunikation ...? Wir gehen spannenden Zeiten entgegen.

Frage 8:
Wie sieht für Sie die Arbeitswelt in 20 Jahren aus? Wo wird sich der Faktor Mensch dann wiederfinden?

Derzeit vertrete ich die Meinung, das Phantasie und Kreativität sowie eine gewisse Intuition dem Menschen vorbehalten bleiben. Der Roboter wird uns aufgrund des Vermögens immense Mengen an Daten zu verarbeiten den Spiegel vorhalten und unsere Entscheidungen herausfordern. Wenn ich heute selber Auto fahre erlebe ich manchmal Situationen wo ich mir wünsche dass wir bereits beim autonomen Fahren angekommen wären... Ich kann mir durchaus eine Zukunft vorstellen, wo der Mensch sich auf schöngeistige, kreative, phantasievolle Aktivitäten konzentriert. Dann wären wir sozusagen wieder im Garten Eden, nur dass uns diesmal der Roboter vorrechnen würde, warum es eine viel bessere Idee ist den Apfel nicht zu essen.

Frage 9:
Worin sehen Sie die größte Herausforderungen für Politik und Wirtschaft mit dem rasanten technologischen Fortschritt mitzuhalten und die Gesellschaft zukunftsfähig zu machen?

Die Politik, insbesondere das Bildungssystem, muss noch mehr als die Wirtschaft begreifen, welches Potential sich mit der Digitalisierung erschliesst. Allerdings müssen wir auch darauf achten, was vor der Schulausbildung geschieht. Die Veränderung muss dort ansetzen, wo eine Mensch beginnt die Welt wahrzunehmen. Jedes Kind sollte so schnell wie möglich die Chance haben seine individuellen Fähigkeiten zu erforschen und einzusetzen. Die Schul- und Ausbildungssysteme müssen darauf ausgelegt sein, Kompetenzen genauso zu nutzen wie sie vorhanden sind und nicht versuchen alle über einen Kamm zu scheren. Natürlich sollte jedes Kind und jeder Mensch noch herausgefordert werden, neue Fähigkeiten zu entwickeln. Aber es ist wirtschaftlicher und auch erfüllender, die Stärken weiter auszubauen als Schwächen zu Mittelmass zu entwickeln. Individualität und Authentizität sind gefragt.

Momentan ähnelt unser Lernen noch dem der Computer: Wissensinput rein, verarbeiten, Output raus. Wir sollten uns auf das Erlernen von neuen Kompetenzen, von Methodik und Soft Skills, konzentrieren.
Die Wirtschaft muss begreifen, dass der Mitarbeiter der Zukunft schon sehr bald ganz anders aussehen wird. Firmen müssen sich daran gewöhnen, dass sie Kompetenz in ganz vielfältigen Arten angeboten bekommen. Sie müssen sich überlegen was sie aus diesem Kompetenzen-Regenbogen machen und welche Typen von Menschen sie beschäftigen wollen. Wofür stehe ich als Unternehmen? Welche Werte habe ich? Wer passt in meine Kultur? Welche Schnittstellen brauche ich? Welche Ressourcen muss ich zur Verfügung stellen um diesen bunten Blumenstrauß zu wässern?

Frage 10:
Nehmen wir mal an, der Arbeitsmarkt der Zukunft besteht nur aus Interim Managern / Experten für gewisse Projekte, die in die Firmen über einen bestimmten Zeitraum integriert werden. Was wäre für Sie – als eine dieser Expertinnen – ein spannendes Projekt in diesem Zusammenhang?
Anders gesagt: Wenn Sie sich ein Projekt aussuchen könnten – was wäre das?

Sobald eine Firma den Mut hat alles auf den Kopf zu stellen bin ich dabei. Denn ich schaue in alle Winkel: Kunden, Lieferanten, Konkurrenten, Disruptoren, Mitarbeiter, Standort, Besoldung, Technische Entwicklungen. Kein Stein bleibt bei mir auf dem anderen. Was kann man auslagern? Wo gibt es neue Arbeits- und Geschäftsmodelle? Es bedeutet nicht, per se alles zu ändern, neu und anders zu machen. Es ist aber wichtig, sich alles anzuschauen und zu entscheiden, welche der Elemente man bewusst wählt, und wieso man andere Elemente eben nicht wählt. Dabei stelle ich während des gesamten Projekts sicher, dass alle Schritte und Tätigkeiten uns auch zu diesem Ziel führen. Und welche Konsequenzen gegebenenfalls notwendige Anpassungen haben. Solange wir nur alle voll und ganz hinter dem erwünschten Ergebnis stehen. Jeden, der aufgeschlossen ist und sich auf die Reise begeben will, begleite ich sehr gerne. Und für diese Reise stelle ich alles in Frage, damit wir am Ende das perfekte Ziel haben und gemeinsam erreichen.